Weise mir, Herr, deinen Weg; ich will ihn gehen in Treue zu dir. (Psalm 86,11a)
Diese Bitte an Gott, diesen Wunsch der Wegweisung am Anfang eines neuen Jahres teilen viele Menschen mit dem Psalmbeter. Gerade zu Beginn eines neuen Jahres, ist das Gefühl der Unsicherheit groß - und mit der Unsicherheit auch die Angst -, was im neuen Jahr alles auf einen zukommen wird. So vieles ist noch unbestimmt. Noch ist nicht absehbar, welche Situationen und Ereignisse auf einen zukommen. Noch ist unklar, welche Weichen für Familie und/oder Beruf gestellt werden müssen. In solchen Momenten der Verunsicherung liegt es nahe, sich dorthin zu wenden, wo Sicherheit, Halt, Geborgenheit erfahren wurden und zu erfahren sind: bei Gott. „Weise mir, Herr, deinen Weg."
In solchen Momenten der Verunsicherung treten vielleicht auch die Aussagen von Psalm 139 vor Augen: „Herr, du hast mich erforscht und kennst mich [...] Deine Augen sahen, wie ich entstand und in Deinem Buch war schon alles verzeichnet, meine Tage schon gebildet, bevor überhaupt einer da war." Wie schön wäre es doch, wenn Gott etwas von seinem Wissen über den eigenen Lebenslauf offenbaren und die richtigen, gottgefälligen Entscheidungsoptionen mitteilen würde. „Weise mir, Herr, deinen Weg!"
Der Beter des 86. Psalms denkt bei dieser Bitte an Gott in eine andere Richtung, wie der zweite Teil von V.11 zeigt: „Richte mein Herz darauf hin, allein deinen Namen zu fürchten". Diese beiden Bitten um Wegweisung und Ausrichtung des Herzens bilden eine Einheit. Und in dieser Einheit konkretisiert die Bitte um die Ausrichtung des Herzens die Bitte um die Weisung des Weges Gottes.
Der Beter erhofft die Wegweisung Gottes nicht durch eine Vorausschau auf den eigenen Lebensablauf oder eine konkrete Anweisung zur Entscheidung für die eine oder andere Option. Für ihn liegt die Wegweisung Gottes darin, dass sein Herz allein auf Gott hin ausgerichtet ist. Denn diese Herzensausrichtung ist die grundlegende Befähigung dazu, selbst Entscheidungen nach Gottes Willen fällen zu können. Und Gottes Wille ist es seit jeher, dass Mensch und Gott und Mensch und Mensch versöhnt miteinander leben.
Die Bitte „Weise mir, Herr, deinen Weg" vermag damit zwar nicht, die Unsicherheit über das Ungewisse des neuen Jahres zu nehmen. Aber sie kann die Unsicherheit und Angst darüber, wie wir uns in den noch unbekannten Situationen verhalten und entscheiden sollen, in Zuversicht und Mut verwandeln. Denn hinter dieser Bitte steht zugleich die Gewissheit, dass Gott uns befähigen will, so zu entscheiden, dass wir seinen Namen und seinen Willen fürchten.
Mit dieser Gewissheit können wir uns zuversichtlich und mutig den noch unbekannten Situationen des neuen Jahres stelle.
Christian Wehde
Christian Wehde ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Neues Testament am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule). |